14.05.2013
Siegen um jeden Preis, koste es, was es wolle
(Ingeborg Ruthe)
Bilder des Ausnahmekünstlers Hans Ticha sind jetzt in einer Retrospektive in Prenzlauer Berg zu sehen. Eine längst fällige Wiederentdeckung, meint unsere Kolumnistin

Alles auf dieser nur mittelgroßen Tafel ist figurativ und zugleich schablonenhaft abstrahiert. Alles, was hier im Jahr 1974 mit dem Pinsel akribisch aufgemalt wurde, wirkt ganz nah, stilisiert, fast distanziert – und erfasst doch das Wesen der Dinge. Stumme Requisiten galoppieren über den schwarzen Bildgrund: Das Pferd, die Hufe, der wehende Schwanz, das Wägelchen auf der Rennbahn, die demonstrativen Handschuhhände – was denn nun, geht’s nach links oder nach rechts? – der güldene Siegerkranz mit grün und lila Schleifenband. Und der kegelförmige, zähnebleckende Kopf des Wagenlenkers: Siegen um jeden Preis, koste es, was es wolle. Erreicht ist allerdings nicht das Maximale. Rot gedruckt die Ziffer 2. Platz zwei. Und die Versalien Sieg stehen unten auf dem grünen Rasen.

Nicht ganz greifbar

Es ist die seltsame, nicht ganz greifbare Ticha-Ikonografie, destilliert zu einem eigenwilligen Bildkosmos aus dem russischem Konstruktivismus eines Malewitsch und dessen Lubok-Figuren, aus dem optimistischen Konstruktivismus des Franzosen Leger, aus den Bauhausfigurationen Oskar Schlemmers und der amerikanischen Pop-Art Roy Lichtensteins. Aber was war das doch für eine grandiose Persiflage auf eine stereotype, ritualisierte, von Machtinstrumentarien diktierte Siegerwartung, wie sie einst den DDR-Sport prägte – und noch heute das Höher, Schneller, Weiter wegen der Macht des Geldes sogar bis zum Doping – und leider in anderen Lebensbereichen bestimmt.

Hans Ticha, Jahrgang 1940, war schon zu DDR-Zeiten, im Berliner Osten, ein Maler, Grafiker, Typograf, der in kein Raster passte. Er war einer der singulären ostdeutschen Pop-Art-Ironiker, die ihr Zeit- und Lebensgefühl in Bilder steckten, aber deswegen in der DDR-Kunst ideologisch ausgegrenzt waren.

Ölfarben enthielten politischen Sprengstoff

Tichas Kunst war also irgendwie „gefährlich“. Seine Ölfarben enthielten politischen Sprengstoff. Um nicht womöglich nach Bautzen, in den politischen Knast zu müssen, stellte er ganze Werkgruppen mit der „Butterseite“ weit hinten gegen die Wand in seinem Atelier in Prenzlauer Berg: die „Großen Klatscher“, die als konstruktivistische Maschinenarmee aufmarschierenden NVA-Offiziere, die „Redner“, „Ordensträger“, Fahnenschwenker“, die stempelförmigen Holzköpfe, die „Unverbrüchlichen“ Waffenbrüder, die staatsmännischen „Umarmer“ und zur Riesenfaust geronnenen „Sieger der Geschichte“. Parodien eines sich selbst applaudierenden Staates – aus heutiger Sicht lesen sich diese Bilder auch als gemalte Diagnosen des Untergangs der DDR. Auf der neunten DDR-Kunstausstellung 1982/83 rangierten Tichas Bildgestalten mit den Kugelköpfen, Greifarmen, Maschinenrümpfen noch unauffällig unter der Harmlos-Rubrik Gebrauchsgrafik/Illustration. Bei der zehnten und letzten DDR-Kunstschau 1987/88 war Ticha nicht mehr dabei.

Ausnahmekünstler

Nur zwei Jahre später ging er weg aus dem nun mauerlosen Berlin, ins Rhein-Main-Gebiet. Aber Ironie blieb ihm auch weiterhin Pflicht. Den Persiflagen auf die Diktatur der Arbeiterklasse folgte in den vergangenen 20 Jahren der Blick auf die Schwachstellen der westlichen Demokratie. Jetzt heißen die kalt stilisierten Bilder etwa: „Schöner wohnen“, „Wir bieten Ihnen ...“,, Idol“, „Pauschalreise“ oder „Live Sex“.

Klasse, dass Galerist Johannes Zielke den Ausnahmekünstler Ticha, der an der Kunsthochschule Weißensee bei Kurt Robbel und Arno Mohr studierte – mit dieser Retrospektive unbekannter Bilder neu ins Bewusstsein der Kunstszene rückt, ihn wegen der frappierenden Aktualität alter und neuer Motive wiederentdeckt. Letztere Arbeiten, die man hintergründig surreale Pop-Art nennen möchte, sind abermals grafische Metaphern, aus denen eine sarkastische Experimentierlust mit normierten Jasagern, Opportunisten, Seelen-, Glücks- und Liebesverkäufern grinst.

Galerie Läkemäker, Schwedter Str. 17. Bis 23. Juni, Mi–Sa 14–18 Uhr. Tel.: 747 86 538. www.laekemaeker.com
29.06.2013
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Klaus Hammer

Seit den 1970er Jahren hat er die Nachrichten der „Aktuellen Kamera“ aufmerksam verfolgt und Zeitungsfotos vor allem aus dem „Neuen Deutschland“ gesammelt: Fahnenübergaben, Ordensverleihungen, Bruderküsse und Umarmungen der Parteiführer, Fähnchenschwenker, Beifallskundgebungen, Vorbeimärsche an Tribünen mit hoher Politprominenz. Sie dienten ihm als Vorlage für seine eigenen Bilder. Die meisten standen hinter seiner verschlossenen Ateliertür und konnten erst nach dem Ende der DDR gezeigt werden.

Den vor allem als Buchgestalter und Illustrator bekannten Hans Ticha, der in den neunziger Jahren Berlin verließ, hat Galerist Johannes Zielke nun an seine einstige Wirkungsstätte, den Prenzlauer Berg, zurückgeholt und zeigt seine Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen aus mehr als drei Jahrzehnten.


An Tichas meist großformatigen Bildern fällt ihre provokant plakative Farbigkeit auf, die Dominanz runder, normgerechter Formen und geometrischer Figuren, gesichtsloser Marionetten. Buchstaben und Zahlen werden zeichenartig in die Komposition eingefügt, dazu Elementarformen wie Kreis, Dreieck und Viereck. Scheinbar reibungslos wie ein Uhrwerk funktionieren die menschlichen Beziehungen, alle Leidenschaft ist verbraucht oder im Ritual erstarrt. Ticha geißelt die Konformität der Politik: die leeren Ansprachen und Schlagworte, die Phrasendrescherei, das Versprechen einer besseren Zukunft. Sein Marionettenmann knüpft direkt an George Grosz’ „Republikanische Automaten“ (1920) an, aus deren leeren Eierschalenschädeln ein nicht enden wollendes Hurrageschrei kommt. Auch Ticha schafft Gliederpuppen mit Kugelgelenken, die man nach Belieben biegen, verrenken oder austauschen kann.

Ein Rundkörper mit kleinem Kopf und riesigen Händen, die sich im rhythmischen Klatschen bewegen („Klatscher auf orangefarbenem Grund“, 1982/91). Beifallspendende Fähnchenschwenker in unterschiedlichen Haltungen („Fahnenelemente“, 1982). In gleicher Weise setzt sich Ticha mit den Erscheinungsformen im wiedervereinigten Deutschland – den Werbekampagnen und Manipulierungspraktiken – auseinander. Ein sauber geteilter Frauenkörper wird zum Schnäppchenpreis angeboten („Ab 20,90“, 2001). Man mag seine Arbeiten nun als Bildparabeln hoch- oder als „Gebrauchskunst“ geringschätzen, in jedem Fall provozieren sie, niemand kann an ihnen unbeteiligt vorbeigehen. Wie sagte der Regisseur und Bürgerrechtler Konrad Weiß, als er 1990 mit Tichas Arbeiten konfrontiert wurde: „Die Bilder von gestern können meine Kraft von morgen sein.“ Klaus Hammer

Galerie Läkemäker, Schwedter Str. 17; bis 20. 7., Mi–Sa 14–18 Uhr